...Spannendes und Überraschendes um Ziegenrück

Ausgangspunkt dieser Wanderung war das malerische Städtchen Ziegenrück im Thüringer Vogtland. Sein Name hat aber nichts mit Ziegen zu schaffen. Die sorbischen Wurzeln, dieses erstmals 1258 erwähnten Ortes, führen den Geschichtsfreund ans Ziel. Er hiess einst “Czeganrucke” was schlicht und einfach “Flussschlinge” bedeutet.

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So starteten wir voller Tatendrang am alten Plothenbachtal - Viadukt der leider stillgelegten Thüringer - Oberland - Bahn. Ein Verein macht sich seit Jahren stark für den Erhalt dieser landschaftlich und technisch atemberaubenden Bahnstrecke. Mit Draisinen - Fahr - Wochenenden wird die Strecke so gut es geht am Leben gehalten. Aber wir wollten ja nicht fahren sonder wandern, so folgten wir erst mal der “Flussschlinge”, vorbei am Ziegenrücker Wehr, das schon so manch mir bekannter Kanute mutig in Angriff nahm, um dann feststellen zu müssen: Die Saale kann verdammt kalt und nass sein! So liessen wir Ziegenrück erst mal hinter uns und auf dem weg nach Ludwigshütte kamen wir das erste mal ins Grübeln. Was macht diese Gebäude hier, mitten auf der Strasse eng an die Felsen gebaut mit einem Wehr das anscheinend völlig sinnfrei im Wasser herumdümpelt?

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Kurz vor Ludwigshütte ent- deckten wir, im Strahlen der Morgensonne, das oft beschriebene Silberblaue Band der Saale, das uns etwas weiter des Weges, förmlich durch ein Tor des Lichtes, an der Ludwigs- hütte vorbeiführte. Diese ehemalige Eisenhütte, die zu ihrer Glanzzeit, in der Mitte des 19. Jahr

- hunderts, zu einem Hüttenwerk mit zwei Hochöfen, einer Gieserei und Dreherei ausgebaut wurde, lädt heute als Pension zum Übernachten ein. Hinter der nächste Flussschlinge empfing uns, dort wo der Ottergrund auf das Saaletal trifft, diese nette Holzfamilie mit interessanten Hinweisen zu unserm weiteren Weg entlang der Saale.

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Sicher werdet ihr Euch wundern, das die kleine Saale hier so breit ist. Das liegt daran, das wir uns am Anfang der Hohenwartetalsperre befinden. Diese ist Teil der Saalekaskade die zwischen 1930 und 40 zur Regulierung des Wasserstandes der Elbe und zum Hochwasserschutz erbaut wurde. Zur Saalekaskade mit ihren 80km Länge, bestehend aus fünf Talsperren und Wasserkraftwerken, gehört auch der längste Stausee Deutschlands, die 28km lange Bleilochtalsperre. In dieser von Menschenhand geschaffenen Idylle, an der Saale hellem Strande, genossen wir unseren Mittagsproviant und kamen schon wieder ins Grübeln. Da steht doch da oben auf dem Berg ein riesiger Mast mitten im Wald. Bauen die da oben ein Schiff??? Fragen über Fragen. Gut gestärkt und ausgeruht führte anschliesend unser Weg hinaus aus dem Saaletal.

Mast
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Oben angekommen erwartete uns der Höhenrücken des Conrod mit üppig grünen Feldern, wunderbaren Aussichten und sogar der Lösung unserer Fragen. Doch alles der Reihe nach. Gemächlichen Wegs durch die Flur war doch da schon wieder dieser Mast, also hin und nachschauen. Naja, ein Schiff gab’s hier nicht, dafür aber einen Wahnsinnsausblick! Nicht so groß und so berühmt wie die Rheinschleife, dafür aber viel romantischer präsentierte sich die Saaleschleife. Mit einigen Tricks und reichlich Bildbearbeitung hab ich sie auch komplett aufs Foto bekommen. Und wenn ihr genau hinseht, könnt ihr am unteren Rand auch ein Gebäude entdecken. Dieses ist der Grund für die anderen merkwürdigen Bauten, das Conrod - Kraftwerk. 1920 erbaut und mit einem Druckstollen versehen, schneidet es die 5,5km lange Conrodschleife ab. Der Stollen hat dabei die beachtliche Länge von 624m und ein Gefälle von 16m. So war also das Haus auf der anderen Bergseite das Einlaufbauwerk für den Stollen und der ”Schiffsmast”, von interessanter Bauart, ganz profan ein Strommast.

Panorama
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Nach diesem beeindruckenden Natur- und Technikspektakel schlenderten wir gemütlich weiter nach Paska. Zerzaust vom Herbstwind empfingen uns am Ortseingang die vor Äpfeln strotzenden Obstbäume, ehe wir durch dies typisch thüringische Fachwerkdörfchen, mit seinen um den Anger gruppierten Drei- und Vierseithöfen, weiterzogen. Doch eins viel mir beim durchsehen meiner Bilder noch auf, irgendwie ist der Kirchturm schief, oder?

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So ging es durch den Sornitzgrund, mit seinen “Baumartisten”, zügig wieder nach Ziegenrück hinunter. Hinter dem Ortsschild entdeckten wir auch noch ein im evangelischen Thüringen, aussergewöhnliches Gebäude. Nach Kriegsende 1945 kamen ca. 1500 katholische Flüchtlinge nach Ziegenrück. Die kath. Kirche erwarb dann Ende der Fünfziger Jahre eine alte Scheune die zu einer Kapelle umgebaut wurde, um ein Gotteshaus für die bis dato im Schloss stattfindenden heiligen Messen zu haben. Mit ihren Anbauten für die Ferienfreizeit kath. Jugendlicher wurde sie bis 2009 genutzt, ehe sie von Diakon Wilde entwidmet wurde und nun Privatbesitz ist. Dort wo Sornitzgrund und Saale aufeinander treffen hält Mutter Natur noch ein paar unglaublich Felsgebilde parat. Diese, von den Gewalten der Erdbewegung gebogenen Schieferfelsen, wissen auf ihre eigene Art zu beeindrucken. So schloss sich an der Saale der Kreis unserer Wanderung. Im wahrsten Sinne, des Merkens würdig!

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...doch so schnell haben wir uns dann doch nicht aus dem Staub gemacht. Der letzte Höhepunkt unseres Wandertages sollte das Wasserkraftmuseeum Fernmühle sein. Ein Technikkleinod vom feinsten, Wasserkraft hautnah erleben, das liess nicht nur mein Elektromeisterherz höher schlagen. Mit super Hochspannungsexperimenten und Wasserkraft zum anfassen “en miniatur” kann man dort auch Kinder für die Technik begeistern. Mit einem großen Eisbecher endete unser Abstecher ins Thüringer Schiefergebirge in der gemütlichen Museeumsgaststätte, in der die Uhren etwas anders gehen... schaut mal nach!

Euer Zugvogel Andreas

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